Tag der Intensivmedizin – Zurück ins Leben
Sage und schreibe 175 Tage lag Kersten B. auf der Intensivstation des Klinikum Kassel. Der heute 65-Jährige aus dem Landkreis Holzminden kam vor gut einem Jahr nach einem Herzinfarkt mit dem Rettungswagen auf die Intensivstation C72. Weil Lunge und Herz versagten, wurde er an eine ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung) angeschlossen – ein hochspezialisiertes medizinisches Verfahren, das dem Blut Sauerstoff zuführt bzw. Kohlendioxid abführt und das angereicherte Blut dann dem Körper zurückführt
„Das war ein kleines Wunder, das zeigt, was Dank der Intensivmedizin möglich ist."
erinnert sich die pflegerische Leitung der Intensivstation Manuela Seifert. "Der Patient hatte mit so vielen Rückschlägen zu kämpfen und trotzdem haben wir es als Team geschafft, dass Herr B. es ins Leben zurückgeschafft hat.“
Wie schlecht es ihm ging, daran kann sich Kersten B. nicht mehr erinnern. „Ich weiß nur noch, dass ich die 112 gerufen habe. Dann kommen meine Erinnerungen erst wieder auf der Intensivstation in Kassel zurück. Ich war an die ECMO angeschlossen und meine Nieren haben Probleme gemacht. Dann habe ich in einer größeren Operation ein LVAD implantiert bekommen.“
Lebensrettende Operation in der Klinik für Herzchirurgie am Klinikum Kassel
Ein LVAD (= Left Ventricular Assist Device/ Linksventrikuläres Herzunterstützungssystem) – umgangssprachlich auch „Kunstherz“ genannt – ist eine kleine mechanische Pumpe, die bei einer fortgeschrittenen Herzinsuffizienz in die linke Herzkammer implantiert wird und hilft, das Blut in die Aorta zu pumpen. Hierdurch kann der Körper wieder mit ausreichend Blut und Sauerstoff versorgt werden. Ein Akku, der außerhalb des Körpers liegt und über ein dünnes Kabel mit der Pumpe verbunden ist, liefert die elektrische Energie. Steuergerät und Akku werden in einem kleinen Rucksack vom Patienten 24/7 mitgetragen.
Wie ernst es um ihn in einigen Momenten stand, versteht Kersten B. erst, als er sich Zuhause und mit etwas Abstand die Krankenhaus-Berichte ansieht: mehrfache Reanimation, 50 Tage in Isolierung und der Beginn einer Blutvergiftung sowie Behandlungen durch die Klinik für Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie sind nur einige Schwierigkeiten, mit denen sein Körper zu kämpfen hatte.
„Wir konnten in einem solch schwierigen Fall nur deshalb helfen, weil wir als Zentrum für Intensivmedizin mit insgesamt drei Intensivstationen – Anästhesiologie, Innere Medizin und Neurologie/Neurochirurgie – zu den drei Intensivmedizinischen Zentren des Landes Hessen zählen, die auch als ECMO-, Herz- und Neurozentrum einen wichtigen überregionalen Versorgungsauftrag für kritisch kranke Patient*innen übernehmen und darin erfahren sind. Diese herausgehobene Stellung ist nur durch das tägliche Engagement vieler Berufsgruppen möglich: unsere hochspezialisierte Intensivpflege, das ärztliche Team, das ABS-Team, die klinische Pharmazie sowie die Physiotherapie und Klinikseelsorge arbeiten eng, kompetent und interprofessionell zusammen“, sagt Prof. Dr. med. Ralf M. Muellenbach, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin und Schmerztherapie und Zentrumsleiter.
„Ich hatte kein echtes Zeitgefühl“
Ein halbes Jahr auf Intensivstation klingt aus Patientensicht wie ein Albtraum. „Ich hatte kein echtes Zeitgefühl“, sagt Kersten B.. Woran er sich erinnert, sind u.a. die Tiefpunkte, mit denen er während der langen Zeit immer wieder einmal zu kämpfen hatte, denn die Situation war nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele eine große Herausforderung. „Das ganze Team hat sich nicht nur medizinisch dafür eingesetzt, dass es mir besser geht. Es war für mich ein echtes Highlight, wenn ich mal an die frische Luft durfte. Besonders in Erinnerung geblieben, ist mir der Besuch auf dem Hubschrauberlandeplatz mit Frau Prof. Rolfes geblieben. Den vergesse ich nicht – genauso wenig wie die Pommes aus der Personalkantine und den unkonventionellen Friseurbesuch; danach ging es mir jedes Mal besser.“
Prof. Dr. med. Caroline-Barbara Rolfes, erfahrene Oberärztin der Klinik sagt: „Die seelische Verfassung ist für unsere Medizin extrem wichtig. Durch die zahlreichen Rückschläge und das immer wieder neue Ringen um das Überleben haben wir in jeder Hinsicht alles möglich gemacht. Intensivmedizin ist echte Teamarbeit!“
„Manchmal fehlt mir etwas die Puste und zweimal in der Woche muss die Wunde, an der das Kabel aus dem Körper tritt, versorgt werden. Aber ich bin dankbar dafür, was das Team am Klinikum Kassel in meinem Fall geleistet hat und was Intensivmedizin alles kann.“
Nach 175 Tagen Intensivmedizin und einem Reha-Aufenthalt ist Kersten B. heute wieder Zuhause und kann weitestgehend normal leben.