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Amokfahrt in Volkmarsen: Wie war die Lage an der Kreisklinik in Wolfhagen?

Ein Interview mit dem dortigen Ärztlichen Direktor Dr. Uwe Hecht und André Raum, Oberarzt in der Inneren Medizin.

Mehr als 60 Menschen wurden bei der Amokfahrt in Volkmarsen am Rosenmontag verletzt. Wir bei der Gesundheit Nord sind tief betroffen und mit unseren Gedanken bei den Verletzten und ihren Angehörigen. Beschäftigte an mehreren Standorten der GNH haben sich mit viel Engagement und Herzblut dafür eingesetzt, die Opfer der Amokfahrt bestmöglich medizinisch und pflegerisch zu versorgen. Zum Teil sind sie aus der Freizeit und unaufgefordert zur Arbeit gekommen. Neben den medizinischen und pflegerischen Beschäftigten blieb auch das technische Personal vor Ort, um zu unterstützen. Die meisten Patientinnen und Patienten wurden im Krankenhaus Bad Arolsen notfallversorgt. Auch das Klinikum Kassel wurde von den Rettungswagen angefahren. Für diesen Einsatz möchten wir allen, die daran beteiligt waren, an dieser Stelle noch einmal herzlich danken.

Auch unsere Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte in Wolfhagen standen in dieser Situation selbstverständlich bereit – die Kreisklinik wurde aber nicht von den Rettungskräften angefahren, obwohl sie einsatzbereit gemeldet war. Das galt übrigens auch für die Kreisklinik in Hofgeismar. Mit der vorübergehenden Aussetzung der stationären Versorgung in Wolfhagen hat das nichts zu tun. Unseren Verantwortlichen vor Ort war sofort klar, dass die aktuelle Situation zu Missverständnissen hätte führen können. Sie hatten daher umgehend persönlich Kontakt zu der Rettungsleitstelle gesucht und sich für die Versorgung der Verletzten angemeldet.

Wir haben mit Dr. Uwe Hecht, Ärztlicher Direktor der Kreiskliniken und Chefarzt Anästhesie der Kreisklinik Wolfhagen, und André Raum, Oberarzt in der Inneren Medizin darüber gesprochen, wie sich die Lage vor Ort  dargestellt hat.

Wann haben Sie erfahren, dass es beim Rosenmontagsumzug in Volkmarsen einen so genannten Massenanfall von Verletzten (ManV) gegeben hat?

Hr. Dr. Hecht: Der Anschlag hat sich am Nachmittag ereignet. Gegen 15 Uhr hatte es sich zu uns herumgesprochen. Es wurde ein Massenanfall an Patienten der Stufe 5 ausgerufen. Daher habe ich geprüft, welche Kapazitäten im Haus vorhanden sind. Die OP-Beschäftigten, Ärzte und Pflege, sind auch nach Schichtende im Haus geblieben oder sogar extra reingekommen. Auch die Kolleginnen und Kollegen der Intensivstationen sind von mir informiert worden. Die Beschäftigten des Labors sind ebenso länger geblieben. Dort sind auch schon die verfügbaren Blutkonserven überprüft worden.

Mein Kollege in der Anästhesie, Mohamed Al Batani, ist selbst zu der Zeit als Notarzt direkt in Volkmarsen im Einsatz gewesen. Das habe ich aber erst im Nachhinein erfahren. Außerdem war Dr. Michael Schacht, unser leitender Oberarzt Chirurgie, im Rettungsfahrzeug auf dem Weg nach Volkmarsen. Dieses Fahrzeug ist aber zunächst zurückbeordert worden, weil bereits zu viele Rettungswagen in Volkmarsen waren und sie sich nicht gegenseitig behindern sollten.

Letztlich waren wir im OP, im Intensivbereich und  im Labor voll einsatzfähig, sind jedoch nicht angefahren worden. 

Hr. Raum: Ich habe gegen 15.15 Uhr die Information bekommen, dass es in Volkmarsen eine Gefahrenlage gab. Schnell haben sich Ärzte freiwillig gemeldet, um die beiden Rettungswagen, die in Wolfhagen an der Klinik stehen, zu besetzen. Ich habe uns dann in Kassel bei der Leitstelle einsatzbereit gemeldet. Auch die Rettungswagen wurden aber nicht angefordert.

Seit vergangener Woche ist die stationäre Versorgung in der Kreisklinik Wolfhagen aufgrund erheblicher Mängel beim Brandschutz vorübergehend ausgesetzt. Denken Sie, das hatte Auswirkungen auf die Lage am Rosenmontag?

Hr. Dr. Hecht: Das lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich gehe nicht davon aus. Wir waren weiterhin bei IVENA abgemeldet, waren also „Rot“. Für uns war aber klar, dass wir in so einer Ausnahmesituation für die Verletzten da sein müssen. Nach Rücksprache mit unserem Geschäftsführer in Wolfhagen Herrn Bertelsmann und dem Vorstandsvorsitzender der GNH Herrn Dr. Knapp haben wir unsere zuständige Leitstelle in Kassel kontaktiert und uns einsatzbereit gemeldet. 

Hr. Raum: Ich habe im Nachhinein mit dem Einsatzleiter in Volkmarsen gesprochen. Er wusste, dass Wolfhagen aufnahmebereit war und hat mir mitgeteilt, dass er Patienten für Wolfhagen vorgesehen hatte. Wieso die hier nicht angekommen sind, weiß ich nicht. Es kann sein, dass die Leistelle sie letztendlich doch woanders hingeschickt hat, oder dass Patienten eine Aufnahme ins Krankenhaus nicht wünschten, weil sie z.B. nur leicht verletzt waren.

Volkmarsen liegt im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Die Kreisklinik Wolfhagen im Landkreis Kassel. Könnte es sein, dass die Leitstelle Waldeck-Frankenberg ihre Patienten zunächst eher in Kliniken im eigenen Landkreis schickt?

Hr. Raum: Ich würde der Leistelle hier keinen Vorwurf machen. Es ist sehr schwierig, das in der Akutsituation richtig einzuschätzen. Es entspricht der gängigen Praxis die nächstgelegenen Kliniken für fußläufige Patienten freizuhalten. Außerdem schaut die Leitstelle nach Fallschwere und Bereitschaft in IVENA. Dass wir keine eigeninitiativ anreisenden Patienten bekommen haben, liegt aber wahrscheinlich schon an der Landkreisgrenze.