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Mittendrin

Wäre der Herzfehler nicht erkannt worden, hätte er mit Mitte Dreißig ein Pflegefall sein können.

Als die Mannschaft einläuft, wird es laut in der Halle der Handball Spielgemeinschaft (HSG) Twistetal. Johannes Happe klatscht jeden Spieler ab und gibt ihnen Motivierendes mit auf den Weg. Davor war er schon in der Kabine und stand beim Schlachtruf mitten in der Runde. Mehr ist derzeit nicht drin. Er hat gerade erst wieder mit dem Joggen begonnen.

Johannes Happe ist Spielmacher der 1. Mannschaft der HSG, Rückraum Mitte lautet seine Position. Der 26-Jährige ist kompakt gebaut und nicht zimperlich. Bevor er zurückzieht, fängt er sich lieber eine Prellung ein. Handball ist nichts für sensible Gemüter, es ist ein Kontaktsport. Die örtliche Presse schreibt, Happe sei die „Stütze des Twistetaler Spiels“. Eine kleine Narbe auf der Brust ist der Grund, warum er diese Rolle gerade nicht ausfüllen kann. Sie stammt vom 8. August 2019, als er im Klinikum Kassel von einem herzchirurgischen Team um Klinikdirektor Privatdozent (PD) Ali Asghar Peivandi operiert wird. Über zwei Stunden dauert der Eingriff, ohne den sein Leben ein anderes geworden wäre. Es war ein Schock für seine Freundin, die Familie und den Verein. Und nur durch einen glücklichen Umstand kommt es überhaupt zur Operation.

Johannes Happe will sich im Frühjahr 2019 beruflich verändern. Als Elektroniker bewirbt er sich bei der Deutschen Bahn und wird zur obligatorischen Untersuchung beim Betriebsarzt vorstellig. Dieser stutzt, als er seinen Brustkorb abhört. Die Geräusche, die das Herz verursacht, sind nicht mal annähernd so, wie sie bei einem jungen Menschen sein sollten. Der Blutfluss ist kein geregelter, alles geht wild durcheinander.

Johannes Happe ist verdutzt. Er hatte noch nie Beschwerden, keinerlei Schmerzen oder Einschränkungen, weder bei Ruhepuls noch auf dem Spielfeld. Es geht ihm gut. Am 21. Juni 2019 trifft er im Krankenhaus Bad Arolsen den Kardiologen Dr. Bertolt Linder, der auf dem Ultraschallbild eines nicht erkennen kann: die Herzscheidewand. Sie trennt die Vorhöfe des Herzens und somit das sauerstoffarme vom sauerstoffreichen Blut. Bei Johannes Happe fehlt diese Trennwand. Er hat einen komplexen Herzfehler.

»Dazu kam, dass seine Herzklappen beschädigt waren und das Blut nicht nur in die richtige Richtung floss, sondern teilweise auch wieder zurück«,

sagt Dr. Linder. Komplikationen dieser Art werden meist im Kindesalter festgestellt und noch vor der Einschulung operiert.

Aufgrund seiner Athletik und Jugend konnte Happes Herz die Fehlbildung bislang kompensieren. Doch das geht nicht ewig so. „Wäre der Herzfehler nicht erkannt worden, hätte er mit Mitte dreißig ein Pflegefall sein können“, sagt Dr. Linder. Denn ab einem bestimmten Zeitpunkt ist das Herz irreparabel geschädigt. Manchmal hilft dann ein Kunstherz. In jedem Fall wäre seine Zeit als Spielmacher der HSG Twistetal zu einer fernen Erinnerung geworden.

Dr. Linder kontaktiert PD Dr. Peivandi, der einen OP-Termin für Anfang August festlegt. Doch Johannes Happe hat seit langem einen Urlaub mit seiner Freundin in Tunesien geplant. Kann er das Risiko der Reise eingehen? Hält das Herz bis August durch? PD Ali Asghar Peivandi gibt nach Rücksprache Entwarnung. Die Reise stellt kein Risiko dar.

Am 8. August verläuft im Zentral-OP 1 des Klinikums Kassel dann alles nach Plan. Aus Material des Herzbeutels zieht Dr. Peivandi zwischen den Herzvorhöfen eine Wand und repariert anschließend zwei kranke und undichte Herzklappen. Später nimmt er in seinem Büro ein Blatt Papier und skizziert mit wenigen Strichen ein Herz und die OP-Schritte. „Wir konnten nahezu minimal-invasiv operieren, also durch eine kleine Öffnung zum Herzen vordringen. Herr Happe wird nur eine kleine Narbe zurückbehalten“, sagt Dr. Peivandi, bei dem sich das alles so einfach anhört. In Wahrheit ist die Operation ein filigraner Eingriff, der nur mit Jahrzehnten an Erfahrung und einem gut eingespielten OP-Team ein „gutes Outcome“ hat, wie es bei Medizinern heißt. An Herzklappen wird im Klinikum Kassel mehrfach die Woche operiert.

Trotzdem bleibt Johannes Happe in Erinnerung. „Junger Kerl, blonde Haare?“, fragt Anästhesist Dr. Kolja Deicke, der sich auch Monate später noch an ihn erinnert. „Die meisten Patienten in der Herzchirurgie sind ja doppelt so alt wie er“, sagt Deicke.

Auf der Intensivstation ist er nach der OP erst noch „wackelig auf den Beinen“, erzählt Happe. Mit viel Aufmerksamkeit seiner Freundin und der Familie geht es schnell besser.

»Sie haben mir viel Zuversicht gegeben«,

sagt Happe. Zwölf Tage nach der OP wird er entlassen und beginnt kurz darauf eine Reha.

Die HSG Twistetal startet in die aktuelle Saison erstmal ohne ihn. Johannes Happe bleibt so nah an der Mannschaft, wie es irgendwie geht. Denn Handball ist bei den Happes nicht einfach nur ein Sport. Seine drei jüngeren Schwestern spielen alle in Vereinsmannschaften, beide Eltern waren früher aktiv. „Die HSG geht bei uns vor“, sagt Mutter Antje Happe. „Da bleibt zu Hause schon mal was liegen.“ Sie macht nicht den Eindruck, als wolle sie das bald ändern. Bei
Heimspielen steht sie immer links vom Tor hinter dem Fangnetz. Und mit dem Kopf ist sie weiter am Halbkreis aktiv. Sie antizipiert Spielzüge und sieht die Lücken in der Abwehr, bevor sie sich für den Gegner auftun. Antje Happe leidet mit. Und sie jubelt mit.

Was den Sport angeht, ist die Familie einiges gewöhnt. 2017 wird Happes Schwester Karoline während des Spiels das Brustbein gebrochen.

Antje Happe wird den Betriebsarzt der Deutschen Bahn aufsuchen. „Ich würde gerne Danke sagen. Was wäre passiert, wenn er nicht so genau gearbeitet hätte?“, fragt sie. Beim Kardiologen Dr. Bertolt Linder am Krankenhaus Bad Arolsen wird das Treffen einfacher werden. Antje Happe macht dort eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie ist im dritten Lehrjahr.

PD Dr. Michael Steinmetz ist seit Herbst 2019 leitender Oberarzt in der Klinik für Neonatologie und Allgemeine Pädiatrie am Klinikum Kassel.

Der Kinderarzt, Kinderintensivmediziner und Kinderkardiologe ist Spezialist für komplexe Herzfehler, wie sie bei Johannes Happe schon im Vorschulalter hätten erkannt werden können.

Haben Sie Fragen? Schreiben Sie eine E-Mail an:
michael.steinmetz(at)klinikum-kassel.de

Ihre Ansprechpartnerin

Ulrike Meyer auf der Heide

Leiterin Unternehmens­kommunikation

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